Marcel Zwahlen, Veronika Skrivankova, Matthias Egger
Die Frage „Wie viele sind wir?“ bewegt Regierungen bereits seit dem Altertum. Sie bildet die Grundlage der Demografie [von démos (gr.): Volk und grafé (gr.): Schrift, Beschreibung], die sich mit verschiedenen Merkmalen von Bevölkerungen beschäftigt. Dabei interessieren neben der Gesamtgröße der Bevölkerung, ihrer altersmäßigen Zusammensetzung und ihrer geografischen Verteilung auch die sozialen und Umweltfaktoren, die hier für Veränderungen verantwortlich sind. Die Daten zur fortlaufenden Beschreibung der Bevölkerung stammen mehrheitlich aus staatlichen Quellen, v.a. aus Volkszählungen, dem Geburten- und Sterberegister sowie repräsentativen Stichproben-Erhebungen.
Dieser Abschnitt des Lehrbuchs beschäftigt sich mit den Kennziffern, die DemografInnen zur Beschreibung einer Bevölkerung verwenden, z.B. dem Geburtenüberschuss, dem Wanderungssaldo, verschiedenen Sterberaten, der Lebenserwartung und potentiell verlorenen Lebensjahren. Abschließend zeigt er häufig verwendete grafische Darstellungen, z.B. zur Altersstruktur einer Bevölkerung, vermittelt Kenntnisse zur Altersstandardisierung und erläutern zeitliche Trends in West- und Ostdeutschland sowie in der Schweiz.
Auf dieser Seite finden Sie die in diesem Kapitel verwendeten Literaturquellen, Hinweise zu empfohlener Vertiefungsliteratur, ergänzende Abbildungen und Boxen sowie weiterführende Internetquellen zum Thema.
Weiterführende Literatur
- Preston SH, Heuveline P, Guillot M. Demography: measuring and modeling population processes. Oxford: Blackwell; 2001.
Geschichte
- Bacaër N. Eine kurze Geschichte der mathematischen Populationsdynamik. Paris: Nicolas Bacaër; 2021.
- John Graunt, William Petty: Natural and political observations, mentioned in a following index, and made upon the bills of mortality by John Graunt, citizen of London; with reference to the government, 1662.

Wegweisende Arbeit aus dem 17. Jahrhundert, die anhand von Bevölkerungsdaten aus London Rückschlüsse auf Krankheiten und Bevölkerungsentwicklung zog. Die Arbeit begründete zentrale Konzepte wie Sterbetafeln und die Schätzung von Bevölkerungsgrößen auf Basis von Registerdaten.
Zusätzliche Boxen
| Web-Box 2.2.1 Todesursachen vor hundert Jahren und heute
Vergleicht man die Verteilung der Sterbefälle nach Todesursachen vor hundert Jahren mit heute, zeigen sich deutliche Unterschiede. Im Schweizerischen Statischen Jahrbuch von 1902 sind Angaben zu den Todesursachen in den 15 schweizerischen Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern für das Jahr 1900 zu finden. In diesem Jahr verstarben dort insgesamt 11.814 Personen (ohne Totgeburten). Todesursache waren in 9,7% der Fälle ein Darminfekt (Enteritis) im 1. Lebensjahr, in 14,2% der Fälle eine Lungenschwindsucht (Tuberkulose), in 5,6% der Fälle andere Infektionskrankheiten (darunter 231 Fälle von Masern) und in 10,5% akute Erkrankungen der Atmungsorgane. Etwas mehr als hundert Jahre später sind in der Schweiz rund 40% der Todesfälle auf Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zurückzuführen. An zweiter Stelle folgen die Krebserkrankungen, die für 25 – 30% aller Todesfälle verantwortlich sind. An Infektionskrankheiten einschließlich der Virusgrippe und verschiedener Formen der Lungenentzündung (Pneumonie) sterben heute weniger als 5% der Menschen. Quelle: Bundesamt für Statistik |
| Web-Box 2.2.2 Direkte Standardisierung von Raten Standardisierung ist ein Verfahren zur Berechnung vergleichbarer epidemiologischer Maßzahlen für Populationen, die sich bezüglich ihrer Struktur unterscheiden, wie zum Beispiel hinsichtlich ihres Alters oder des Geschlecht. Besonders wichtig ist die Altersstandardisierung, da das Alter bei vielen Gesundheitsproblemen eine Rolle spielt. Ein einfacher Vergleich (z.B. von Mortalitätsraten) kann irreführend sein, wenn die Altersstruktur der Bevölkerung unterschiedlich ist. Dies wird in den folgenden Tabellen illustriert: Die rohe Sterblichkeitsrate ist auf der Insel Oxia um 10 pro 1.000 Einwohner höher als auf Imia (50 gegenüber 40 pro 1.000), obwohl in jeder Altersgruppe die Sterblichkeit auf Oxia um 10 pro 1.000 niedriger liegt als auf Imia! Dies ist auf die verschiedene Altersstruktur der Bevölkerung auf Oxia und Imia1 zurückzuführen: Auf Oxia ist die Mehrheit der Menschen 65 Jahre oder älter, während die meisten Menschen auf Imia jünger als 35 Jahre alt sind. Mit Hilfe einer Standardpopulation können nun standardisierte Raten berechnet werden, welche die unterschiedliche Altersstruktur korrigieren (sogenannte direkte Standardisierung). Das geht ganz einfach: Zuerst werden die in den Standardpopulationen erwarteten Todesfälle anhand der altersspezifischen Raten der beiden Inseln berechnet.![]() Diese werden addiert, um die altersstandardisierte Rate zu erhalten. Sie beträgt auf Oxia 42 pro 1.000 und auf Imia 52 pro 1.000 Einwohner und ist somit – wie erwartet – auf Oxia um 10 pro 1.000 Einwohner niedriger als auf Imia. Die Altersstandardisierung mittels einer Standardbevölkerung wird häufig etwa bei Krebsregistern zum Vergleich von Morbiditäts- oder Mortalitätsraten herangezogen (s. Kap. 7.2). Insbesondere für Vergleiche zwischen Regionen/Ländern (z.B. zwischen Deutschland und der Schweiz; s. Kap. 7.2) oder Vergleiche über die Zeit ist eine Altersstandardisierung oft notwendig, um Verzerrungen (Confounding; s. Kap. 2.1) aufgrund unterschiedlicher Altersstrukturen zu vermeiden. |

Bei der Interpretation altersstandardisierter Raten ist zu beachten, dass es keine realen, beobachtbaren Raten sind. Sie beschreiben vielmehr, wie die Mortalitäts- oder Morbiditätsraten wären, wenn die betrachteten Bevölkerungen der Standardbevölkerung entsprächen. In der Praxis werden häufig die links abgebildeten Standard-populationen für Europa oder die Welt verwendet. Die Auswahl der Standardbevölkerung ist jedoch unwichtig, solange sichergestellt ist, dass bei Vergleichen jeweils dieselbe Standardbevölkerung eingesetzt wurde. Aus diesem Grund sind auch keine separaten Standardbevölkerungen für die beiden Geschlechter erforderlich.
1 Bei Oxia und Imia handelt es sich in Wahrheit um unbewohnte griechische Inseln.
Internetquellen
Die demografische Beschreibung der Bevölkerung stützt sich fast ausschließlich auf staatliche Statistiken, die fortlaufend geführt werden. Dies sind z.B. Angaben aus den Einwohnermeldeämtern, den regelmäßig durchgeführten Volkszählungen und den amtlichen Erfassungen von Geburten und Todesfällen. Die gesammelten und bearbeiteten Informationen werden vom Statistischen Bundesamt Deutschlands und vom Schweizerischen Bundesamt für Statistik regelmäßig veröffentlicht. Viele dieser Informationen sind auf den Internetseiten der drei Ämter auffindbar:
Statistisches Bundesamt Deutschland (erwähnenswert ist die animierte Altersverteilung seit 1950)
Schweizer Bundesamt für Statistik
Statistik Austria
Alle drei Ämter haben so genannte Bevölkerungsszenarien erstellt, in denen Zukunftsprognosen abgegeben werden. Die Berichte hierzu sind auf den jeweiligen Internetseiten auffindbar:
- Statistisches Bundesamt. Bevölkerung Deutschlands bis 2060, Ergebnisse der 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung;
- Bundesamt für Statistik. Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz: 2010 – 2060;
- Statistik Austria. Bevölkerungsprognosen.
Sehr nützlich sind auch die für etwa 35 verschiedene Länder zusammengestellten Angaben zu Bevölkerung, Todesfällen, Mortalitätsraten und Lebenserwartung, welche The Human Mortality Database zur Verfügung stellt. Diese Angaben werden vom Department of Demography at the University of California, Berkeley, USA, und dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock erstellt. Um die Daten einsehen zu können, muss man sich dort zuerst kostenlos registrieren.
Weitere Internetquellen zum Thema
- UNICEF Data This resource presents the latest data on child survival, development and protection across all countries and regions, supporting UNICEF’s focus on tracking progress toward global commitments on children’s and women’s rights.
- THE WORLD BANK – Data Free and open access to global development data
- WHO World Health Statistics WHO’s annual World Health Statistics reports present the most recent health statistics for the WHO Member States and each edition supersedes the previous one.

