Kap. 1.3 Zentrale Konzepte und Themen

Matthias Egger, Oliver Razum, Anita Rieder, Lukas Fenner, Lotte Habermann-Horstmeier

Dieser Abschnitt führt in grundlegende Konzepte ein, die das Denken und Handeln in Public Health prägen. Zunächst wird verdeutlicht, dass Gesundheit und Krankheit keine dichotomen Zustände sind, sondern auf einem Kontinuum liegen. Während die Medizin primär die individuelle Ebene betrachtet, richtet sich Public Health auf die Bevölkerungsebene. Zwei zentrale Erklärungsansätze werden vorgestellt: die Pathogenese, die sich mit der Entstehung von Krankheit und Risikofaktoren befasst, und die Salutogenese, die fragt, wie Gesundheit entsteht und erhalten werden kann.

Ein weiteres Kernkonzept sind die Determinanten der Gesundheit. Gesundheit wird als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels biologischer, sozialer, ökonomischer und umweltbezogener Faktoren verstanden. Das „Web of Causation“ verdeutlicht, dass gesundheitliche Wirkungen selten auf einzelne Ursachen zurückzuführen sind, sondern aus kumulativen und sich gegenseitig verstärkenden Einflüssen entstehen.

Besondere Aufmerksamkeit gilt gesundheitlichen Ungleichheiten zwischen Bevölkerungsgruppen. Diese betreffen sowohl den Gesundheitszustand als auch die Gesundheitschancen und sind häufig sozial bedingt, etwa durch Unterschiede in Bildung, Einkommen oder Geschlecht. Der Text unterscheidet dabei zwischen bloßer Ungleichheit (inequality) und vermeidbarer, normativ problematischer Ungerechtigkeit (inequity). Die Reduktion solcher gesundheitlicher Ungerechtigkeiten wird als zentrales Ziel von Public Health herausgestellt.

Weiterführende Literatur

Vinje HF, Langeland E, Bull T. Aaron Antonovsky’s Development of Salutogenesis, 1979 to 1994. In: Mittelmark MB, Sagy S, Eriksson M, Bauer GF, Pelikan JM, Lindström B, et al., editors. The Handbook of Salutogenesis, Springer; 2017. Link

Constitution of the World Health Organization.
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Lalonde, M. (1974). A new perspective on the health of Canadians. Ottawa, ON: Minister of Supply and Services Canada. 
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Das Dokument skizziert ein Gesundheitskonzept (das sogenannte „Health Field Concept“), das aus vier zentralen Elementen besteht: menschliche Biologie, Umwelt, Lebensstil und die Organisation des Gesundheitswesens.

Dahlgren G, Whitehead M. The Dahlgren-Whitehead model of health determinants: 30 years on and still chasing rainbows. Public Health. 2021 Oct;199:20–4.
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Klassisches Modell der sozialen Determinanten von Gesundheit.

Krieger N. Epidemiology and the web of causation: Has anyone seen the spider? Social Science & Medicine. 1994 Oct 1;39(7):887–903.
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Zentrale Referenz zum „Web of Causation“.

World Health Organization (2008). Closing the gap in a generation: health equity through action on the social determinants of health – Final report of the commission on social determinants of health.
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Whitehead M. The Concepts and Principles of Equity and Health. International Journal of Health Services. 1992;22(3):429–45. Link
Grundlagentext zur Unterscheidung von inequality und inequity.

Marmot M. Social determinants of health inequalities. Lancet. 2005 Mar 19;365(9464):1099–104.
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Überblicksartikel mit starkem empirischem Fundament.

Marmot, M. et al. (2010). Fair Society, Healthy Lives (Marmot Review). London.
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Zentrale Evidenzbasis für gesundheitspolitische Interventionen.

Artikel, die in Box 1.3.1 thematisiert werden:
Socioeconomic position and the COVID-19 care cascade
The Swiss neighbourhood index of socioeconomic position

Deutschsprachige Quellen

Richter M, Hurrelmann K, editors. Gesundheitliche Ungleichheit. Grundlagen, Probleme, Perspektiven. 2., aktual. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwissenschaften; 2009.
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Lampert T, Hoebel J, Kuntz B, Waldhauer J. Soziale Ungleichheit und Gesundheit. In: Haring R, editor. Gesundheitswissenschaften [Internet]. Berlin, Heidelberg: Springer; 2022 [cited 2026 Jan 7]. p. 159–68. Available from:
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