Hanns Moshammer, Mandukhai Ganbat, Matthias Egger
Seit der Mensch Feuer nutzt, verändert er die Zusammensetzung der Luft. Mit Industrialisierung, Urbanisierung und der Nutzung fossiler Brennstoffe hat sich die Luftverschmutzung zu einem globalen Umwelt- und Gesundheitsproblem entwickelt. Ein historisches Schlüsselereignis war der „Great Smog of London“ 1952, bei dem eine Kombination aus hoher Kohleverbrennung und Inversionswetterlage zu extremen Schadstoffkonzentrationen führte. Tausende zusätzliche Todesfälle, vor allem durch Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, machten die gravierenden gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung deutlich und führten zu ersten umfassenden Luftreinhaltegesetzen.
Luftverschmutzung wird als Veränderung der natürlichen Zusammensetzung der Luft durch feste oder gasförmige Schadstoffe definiert. Diese können natürlichen, anthropogenen oder gemischten Ursprungs sein und werden in primäre und sekundäre Schadstoffe unterteilt. Primäre Schadstoffe wie Feinstaub (PM₁₀, PM₂.₅), Stickoxide, Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Ammoniak oder Ruß werden direkt emittiert, etwa durch Verkehr, Industrie, Energieerzeugung, Landwirtschaft und Haushalte. Sekundäre Schadstoffe entstehen erst in der Atmosphäre aus Vorläufersubstanzen, z. B. bodennahes Ozon oder sekundärer Feinstaub. Neben der Außenluft spielt auch die Innenraumluft eine wichtige Rolle, insbesondere durch Tabakrauch, Verbrennungsprozesse, Baumaterialien, Schimmelpilze und Haushaltschemikalien.
Die gesundheitlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung hängen von Art, Intensität und Dauer der Exposition ab. Kurzfristig können bereits geringe Anstiege der Schadstoffbelastung akute Effekte verursachen, darunter Reizungen der Atemwege, Asthmaanfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle und eine erhöhte tägliche Sterblichkeit. Langfristige Belastungen sind mit einer erhöhten Krankheitslast verbunden, insbesondere durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen wie Asthma und COPD sowie Lungenkrebs. Zunehmend gibt es Hinweise auf Zusammenhänge mit Typ-2-Diabetes, neurodegenerativen Erkrankungen und kognitiven Entwicklungsstörungen. Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen, Schwangere und Personen mit Vorerkrankungen.
Die Belastung durch Luftverschmutzung ist weltweit und sozial ungleich verteilt. Während sich die Luftqualität in vielen industrialisierten Ländern durch gesetzliche Regelungen und technische Maßnahmen verbessert hat, bleibt sie in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen hoch oder nimmt weiter zu. Ursachen sind rasche Urbanisierung, Industrialisierung, Verkehrszunahme und die Nutzung fester Brennstoffe. Auch innerhalb von Ländern sind sozial benachteiligte Gruppen oft stärker exponiert.
Das Kapitel unterstreicht die Bedeutung politischer, technischer und gesellschaftlicher Maßnahmen zur Luftreinhaltung. Da Luftverschmutzung eng mit dem Klimawandel verknüpft ist, tragen viele Maßnahmen zur Emissionsreduktion gleichzeitig zum Klimaschutz bei. Saubere Luft wird als zentrales Public-Health-Ziel und als grundlegende Voraussetzung für die Gesundheit heutiger und zukünftiger Generationen verstanden.
Profiles für das gesamte Kapitel 6:
GO 4.1, GO 4.2, GO 4.5, GO 5.2, GO 5.3
Auf dieser Seite finden Sie die in diesem Kapitel verwendeten Literaturquellen, Hinweise zu empfohlener Vertiefungsliteratur, ergänzende Abbildungen, Boxen und Tabellen sowie weiterführende Internetquellen zum Thema.
Literaturquellen
- European Environment Agency (EEA). Air quality in Europe — 2020 report (EEA Report No 9/2020)
- Künzli N, Perez L, Rapp R. Air Quality and Health. Lausanne, Switzerland: ERS; 2010 September 2010;
- Plaß-Dülmer C, Gilge S, Dauert U, Kessinger S, Minkos A. Reduktion von Stickoxiden in deutschen Städten nach Corona-Lockdown – Materialien, Methoden und Analysen zum GAW Brief 76 des DWD. Deutscher Wetterdienst und Umweltbundesamt, 15. Juli 2020;
- The Vorarlberg Health Monitoring & Promotion Programme (VHMPP)
- Umweltbundesamt. FAQ: Auswirkungen der Corona-Krise auf die Luftqualität;
- Vienneau D, Perez L, Schindler C et al. Years of life lost and morbidity cases attributable to transportationnoise and air pollution: A comparative health risk assessment for Switzerland in 2010. International Journal of Hygiene and Environmental Health 2015; 218(6): 514-521;
- WHO. Air quality guidelines. Global update 2005. Particulate matter, ozone, nitrogen dioxide and sulfur dioxide. Genf, Schweiz 2005.
- WHO. Update of WHO Global Air Quality Guidelines
- WHO. WHO guidelines for indoor air quality: selected pollutants. Genf, Schweiz 2010
Empfohlene Vertiefungsliteratur
- Cassee FR, Mills NL, Newby DE, editors. Cardiovascular Effects of Inhaled Ultrafine and Nano-‐ Sized Particles. 1st ed. Hoboken (New Jersey): Wiley, 2011.
Zusätzliche Abbildungen
Web-Abb. Die Abbildungen dokumentieren die Abhängigkeit chronischer Gesundheitsparameter von der Distanz der Wohnadresse zu stark befahrenen Verkehrsachsen. Dargestellt ist die adjustierte Prävalenz chronischer Bronchitis in Abhängigkeit zur Wohndistanz von der Schweizer Nord-‐Süd-‐Transitachse (Autobahn). Links: Dargestellt ist die adjustierte Prävalenz chronischer Bronchitis in Abhängigkeit zur Wohndistanz von der Schweizer Nord-‐Süd-‐Transitachse (Autobahn).
Quelle der Abbildung: Hazenkamp-von Arx ME, Schindler C, Ragettli MS, Künzli N, Braun-Fahrländer C, Liu L-JS. Impacts of highway traffic exhaust in alpine valleys on the respiratory health in adults: a cross-sectional study. Environmental Health 2011; 10: 13 (http://www.ehjournal.net/content/10/1/13/figure/F3)
Zusätzliche Boxen
Web-Box 6.4.1 Aktionsprogramm “Berlin qualmfrei”

»Kann die Hauptstadt Berlin auch zur Hauptstadt des Nichtrauchens werden? Wir meinen sie sollte!« So startete die Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz in Berlin am 2. September 2004 eine große Kampagne zur Förderung des Nichtrauchens. Zum Startzeitpunkt der Kampagne hatte Berlin im Vergleich zu den anderen Bundesländern den mit Abstand höchsten Raucheranteil in der Bevölkerung. Im Rahmen eines dreijährigen Aktionsprogramms sollten verhältnisbezogene Maßnahmen zur Verringerung des Tabakkonsums miteinander verbunden und durch neue Präventionskampagnen ergänzt werden (vgl. Aktionsprogramm „Berlin qualmfrei“
Verhaltensprävention
- Massenmediale und andere Informationskampagnen zum Nichtrauchen und Passivrauchen
- Bündelung bekannter und Entwicklung neuer Raucherentwöhnungsangebote
- zielgruppenspezifische verhaltenspräventive Maßnahmen (z.B. für SchülerInnen, MigrantInnen, Schwangere) sowie kiezbezogene Arbeit
Verhältnisprävention
- Rauchfreie Einrichtungen (Schulen, Jugendeinrichtungen, Kindertagesstätten, Universitäten, Sportvereine, Krankenhäuser, Öffentlicher Gesundheitsdienst, Rathäuser und Betriebe u.a.)
- Kontrolle der Umsetzung von Richtlinien der Arbeitsstättenverordnung und des Nichtraucherschutzes in Betrieben, Krankenhäusern, Restaurants und Verwaltung
- Initiativen im Vorfeld gesetzlicher Regelungen: Bannmeile für Zigarettenautomaten und Tabakwerbung von 250 m im Umfeld von Schulen; kein Rauchen in Autos, in denen Kinder mitfahren; Unterbindung des Verkaufs von Zigaretten durch Pächter in Krankenhäusern, Rathäusern u.a.; Einschränkung der Tabakwerbung auf bezirkseigenen Grundstücken und öffentlichem Straßenland
- Sensibilisierung der Öffentlichkeit für ein umfassendes Werbeverbot und gegen Sponsoring der Tabakindustrie (s. WHO-Rahmenübereinkommen)
- Unterstützung von Gesetzesinitiativen zur Steuererhöhung, Einsatz der Steuern für Tabakprävention; Werbeverbot
Seit Oktober 2007 wird das Programm von der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin weitergeführt. Aktuelle Einschulungsuntersuchungen zeigen, dass sich der Anteil der ErstklässlerInnen, die aus Nichtraucherhaushalten kommen, zwischen 2005 und 2010 um fast zehn Prozent erhöht hat. Trotzdem liegt der Anteil der RaucherInnen in Berlin noch immer bei 31%. Infos hierzu unter:
Zusätzliche Tabellen
Web-Tab. Beispiele für den potentiellen gesundheitlichen Nutzen einer reduzierten Schadstoffbelastung mit Feinstaub (PM10) in verschiedenen Regionen Europas. Es wird hierfür angenommen, dass die aktuellen Schadstoffkonzentrationen auf die im Szenario vorgeschlagenen Werte vermindert werden.

Internetquellen zum Thema
Die Bundesämter für Umwelt bieten auf ihren Internetseiten Informationen über Schadstoffe, Quellen, Auswirkungen, die aktuellen Luftbelastungen und die Gesetzgebung im Bereich Luft:
Schweiz: Bundesamt für Umwelt -> Luft. Eine ständig aktualisierte, ausführliche Datenbank zu Luftverschmutzungsstudien wird vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut betreut; direkter Link
Deutschland: Umweltbundesamt – > Luft
Österreich: Umweltbundesamt -> Luft
Die bedeutendsten Langzeitstudien der Schweiz, Deutschlands, Österreichs und der Europäischen Union im Bereich der Luftverschmutzung finden Sie unter
- SAPALDIA (CH)
- SALIA (D): S. 13 in Gesundheitliche Wirkungen von Feinstaub und Stickstoffdioxid im Zusammenhang mit der Luftreinhalteplanung
- Heinz Nixdorf Recall Studie (D)
- AUPHEP (A)
- ESCAPE Konsortium (EU)
(All accessed 2 November 2023)

