Matthias Egger, Oliver Razum, Anita Rieder (Hrsg.)
Kap. 6.5 Strahlung
Martin Röösli, Gabriele Berg-Beckhof, Claudia Kuehni, Martin Jutzi
Gerne — hier ist eine gekürzte Fassung:
Dieses Kapitel behandelt Strahlung als wichtigen Umweltfaktor für Public Health. Es unterscheidet das elektromagnetische Spektrum nach Wellenlänge und Frequenz in nicht-ionisierende und ionisierende Strahlung. Nicht-ionisierende Strahlung hat nicht genügend Energie, um Atome oder Moleküle zu ionisieren; ionisierende Strahlung kann Elektronen aus Atomhüllen lösen.
Nicht-ionisierende Strahlung ist im Alltag allgegenwärtig. Niederfrequente elektrische und magnetische Felder entstehen bei Erzeugung, Transport und Nutzung von Strom. Hochfrequente elektromagnetische Felder werden etwa durch Mobilfunk, WLAN, Bluetooth und andere drahtlose Systeme erzeugt. Eine besondere Rolle spielt die ultraviolette (UV-)Strahlung im Grenzbereich zur ionisierenden Strahlung. Sie stammt vor allem von der Sonne, künstlich insbesondere aus Solarien. UV-Strahlung hat sowohl nützliche Effekte wie die Vitamin-D-Synthese als auch schädliche Wirkungen wie Hautalterung, Augenschäden und ein erhöhtes Hautkrebsrisiko. Die UV-Strahlung von Sonne und Solarien wird von der IARC als krebserzeugend eingestuft. Ionisierende Strahlung entsteht vor allem beim radioaktiven Zerfall instabiler Atomkerne oder wird technisch erzeugt, etwa in der medizinischen Diagnostik und Therapie. Dazu zählen Alpha-, Beta-, Gamma-, Röntgen- und Neutronenstrahlung, die sich in Durchdringungsfähigkeit und biologischer Wirkung unterscheiden. Ihre gesundheitlichen Folgen reichen von akuten Effekten bei hohen Dosen bis zu stochastischen Effekten wie Krebs oder genetischen Veränderungen, die auch bei niedrigen Dosen auftreten können.
Aus Public-Health-Sicht ist die Strahlenexposition der Bevölkerung zentral. Der größte Teil der jährlichen effektiven Dosis stammt in Mitteleuropa aus natürlichen Quellen, besonders aus Radon in Innenräumen, sowie aus medizinischen Anwendungen. Radon ist nach dem Rauchen der zweitwichtigste Risikofaktor für Lungenkrebs. Weitere Beiträge stammen aus kosmischer und terrestrischer Strahlung sowie aus der Nahrung. Die durchschnittliche jährliche Strahlenexposition beträgt in Deutschland etwa 4,7 mSv, in der Schweiz und Österreich rund 6 mSv. Zentrale Prinzipien des Strahlenschutzes sind Dosisbegrenzung, Rechtfertigung und das ALARA-Prinzip („As Low As Reasonably Achievable“). Gesetze, Grenzwerte, Überwachungssysteme und bauliche Maßnahmen – besonders zur Reduktion der Radonbelastung – sollen Bevölkerung und exponierte Berufsgruppen schützen.
International agency for research on cancer (IARC). Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans. Vol. 80: Non-Ionizing Radiation, Part 1: Static and extremely low-frequency (ELF) electric and magnetic fields, 2002
International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection (ICNIRP). Guidelines for limiting exposure to time-varying electric, magnetic, and electromagnetic fields (up to 300 GHz). Health Physics 1998; 74(4): 494-522
INTERPHONE Study Group. Brain tumour risk in relation to mobile telephone use: results of the INTERPHONE international case-control study. International Journal of Epidemiology 2010; 39(3): 675-94
Regel SJ, Achermann P. Cognitive performance measures in bioelectromagnetic research – critical evaluation and recommendations. Environmental Health 2011; 10(1): 10
Schweizerisches Bundesamt für Umwelt (Bafu); Elektrosmog
Schweizerisches Bundesamt für Umwelt (Bafu); Lichtemissionen (Lichtverschmutzung)
Wissenschaftlichen Komitee der Vereinten Nationen über die Effekte der atomaren StrahlungUNSCEAR (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation)
Die Folgen von Fukushima. Die Abbildung vergleicht die Größe der Gebiete, die infolge der Katastrophen von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) durch radioaktiven Fallout belastet wurden.
Auswirkungen der verschiedenen Anteile der Sonnenstrahlung auf die menschliche Haut. Nur etwa 10% der von der Sonne ausgesandten sichtbaren und unsichtbaren Strahlung gehören zur UV-Strahlung (= kurzwellige Anteil des Lichtes zwischen 200 und 400 Nanometern Wellenlänge). UV-Strahlung regt einerseits die Bildung von Vitamin D in der Haut an. Andererseits kann es v.a. durch UVB-Strahlung zu einem Sonnenbrand kommen. Sonnenallergien und andere Lichtüberempfindlichkeitsreaktionen gehen wahrscheinlich v.a. auf UVA-Strahlung zurück. Ebenso wie die geschilderten Kurzzeit-Wirkungen hängen auch die Langzeitwirkungen der UV-Strahlung in erster Linie von der Dosis und dem Wellenlängenbereich der Strahlung sowie von der persönlichen Empfindlichkeit ab. Langfristige Wirkungen sind z.B. eine frühzeitige Hautalterung, die Entstehung von Hauttumoren und Augenkrankheiten, aber auch eine Schwächung des Immunsystems.
Quelle: Mit Erlaubnis der Beiersdorf AG; http://www2.eucerin.com/de/ueber-die-haut/alles-ueber-die-haut/sonnenlicht-und-sonnenschutz/spektrum-der-sonnenstrahlen/ (Zugriff: 2011, derzeit nicht mehr online)
Zusätzliche Box
Bürgerinitiativen fordern »Der Mast muss weg.« Mobilfunkanlagen – eine Gefahr für die Gesundheit?
Es gibt immer wieder Klagen von Menschen, die ihre gesundheitlichen Beschwerden elektromagnetischen Feldern zuschreiben, wie sie z.B. von Mobilfunksendeanlagen ausgehen. Dabei handelt es sich meist um unspezifische Symptome wie Schlafstörungen oder Kopfschmerzen. Dieses Phänomen wird als elektromagnetische Hypersensibilität oderidiopathische Umweltintoleranz bezeichnet. Für diese Selbstdiagnose gibt es allerdings keine objektivierbaren Parameter. Eine Vielzahl experimenteller Studien konnte zeigen, dass EMF-Strahlung unterhalb der festgelegten Grenzwerte zumindest kurzfristig keine derartigen Beschwerden auslöst. Auch längerfristige Effekte konnten bisher nicht nachgewiesen werden. Diesbezüglich ist die Datenlage aber immer noch dürftig. In der Praxis hat es sich bewährt, die Krankheitstheorie des Patienten durchaus ernst zu nehmen, jedoch vor allem nach umsetzbaren Lösungen zu suchen, um die Beschwerden zu verringern.